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Yalla Ramallah

Nahostkonflikt quasi gelöst

11. February 2007 by david

Mit fast einem Jahr Abstand möchte nun auch ich zum Fazit meines Palästinaaufenthaltes kommen. Ich werde mich dabei auf einige in dieser Zeit gewachsene Überzeugungen und Vorstellungen beschränken, die «den Nahostkonflikt» betreffen, denn direkt oder indirekt hängt doch alles damit zusammen. Man kann die Region nicht betrachten, ohne den Konflikt und seine Auswirkungen im Hinterkopf zu haben.

Die erste Frage ist darum, wer eigentlich die Konfliktparteien sind. Oft wird von «den Juden» und «den Arabern» gesprochen. Das sind ziemlich unscharfe Begriffe und etwas problematisch finde ich, dass eine jeweilige Nichtanerkennung als (israelisches bzw. palästinensisches) «Volk» mitschwingt. «Die Juden» sind nicht gleichzusetzen mit dem Staat Israel und «die Araber» nicht mit der palästinensischen Bevölkerung in Israel, Westjordanland, Gazastreifen und Exil. Andererseits ist es zweifellos auch grob vereinfachend, nur von einem territorialen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu sprechen; dies scheint mir aber doch der Kern der ganzen Angelegenheit zu sein. Die meiste religiöse und ideologische Feindbildrhetorik baut letztendlich darauf auf.

Ein Hauptproblem sind, wie Anselm schon schrieb, die zwei (wenn wir vom palästinensischen und israelischen Mainstream-Diskurs reden) völlig inkompatiblen Sichtweisen auf die gleichen historischen Ereignisse. Selbst wenn Fakten oft bekannt und gut dokumentiert sind, werden sie von beiden Seiten gerne völlig unterschiedlich ausgewählt, gewichtet, interpretiert und in kausale Zusammenhänge gestellt.

Im Zusammenhang damit steht auch die Weigerung, den «anderen» eine Opferrolle zuzugestehen. Für eine echte Versöhnung ist es unerlässlich, dass Israel (als Staat und als Gesellschaft) sich mit seinem seit 1948 an Palästinensern begangenen Unrecht auseinandersetzt. Das umfasst Entschädigungsleistungen mindestens symbolischer Natur. Auf palästinensischer Seite muss eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust her, die bisher an Unwissen und Unwillen scheitert.

Die Optionen für eine friedliche Zukunft des «heiligen Landes» sind überschaubar. An den äußersten Rändern des Spektrums liegt die Forderung, «die Juden ins Meer» bzw. «die Araber in die Wüste» zu jagen. Egal, ob damit Völkermord im großen Stil oder «nur» Zwangsumsiedlung und Vertreibung gemeint sind: Solche Visionen sind völlig inakzeptabel! Die Lösung sollte also irgendwo dazwischen liegen.

Am gerechtesten für alle und darum am erstrebenswertesten — so meine Überzeugung — ist die Einstaatenlösung. Ich gehe einfach davon aus, dass jeder Mensch die Freiheit haben sollte, mit vollen Rechten da aufzuwachsen und zu leben, wo er geboren wurde. Noch besser wäre natürlich: wo immer er möchte; aber bis dahin ist es weltweit noch ein zu weiter Weg. Nur die Einstaatenlösung würde sowohl palästinensischen Flüchtlingen, auch der dritten oder vierten Generation, eine (Wieder-)Ansiedlung in Galiläa oder an der Mittelmeerküste ermöglichen als auch jüdischen Siedlern das Fortbestehen ihrer Präsenz an biblisch bedeutsamen Orten im Westjordanland. Niemand müsste sich außerdem mehr um die strategische Verwundbarkeit eines zu schmalen Staates fürchten. Das Grundwasser würde allen gleichermaßen gehören…

Die schlechte Nachricht ist, dass dieser eine Staat leider weder jüdisch noch islamisch sein könnte. Strikte Säkularität wäre unumgänglich! Aber sicherlich kann man den verschiedenen religiösen Gruppen besonderen Schutz, Privilegien und Autonomie in manchen Bereichen einräumen.

Was den Namen angeht, finde ich «Isratina» gut, einen für beide Seiten schmerzhaften und eigentlich inakzeptablen Kompromiss. Aber ohne solche wird es nicht gehen! Auch sonst sind die Ausführungen Gaddafis zu diesem Thema (ar/en) ganz vernünftig.

Leider scheint die Einstaatenlösung zur Zeit völlig utopisch. Realistisch kann man wohl nur auf eine Zweistaatenlösung hinarbeiten, über die sich ja im Prinzip alle einig sind; wichtig wäre aber, dabei das Einstaatenszenario als langfristiges Ziel im Blick — und im Gespräch — zu halten.

Eine Zweistaatenlösung, wenn sie eine Chance haben soll, muss auf den Grenzen von 1967 basieren. Das bedeutet ein Ende der Besatzung, eine Räumung aller Siedlungen, einschließlich des Rings um Ostjerusalem, und einen weitgehenden Abriss der Mauer. Allenfalls durch beidseitig einvernehmlichen Landtausch ließe sich daran etwas ändern. Palästina müsste auch unbedingt volle Souveränität und Kontrolle über seine Grenzen haben, gerne mit EU-Überwachung wie in Rafah.

Noch ein Wort zur Mauer: So hässlich sie ist, meinetwegen kann Israel auf seiner Seite der Grenze machen, was es will. Aber eben auf seiner Seite!

Alle diese unerlässlichen Schritte müssen von Israel ausgehen. Das liegt daran, dass es die Besatzungsmacht ist, die militärisch und wirtschaftlich den Palästinensern haushoch überlegen ist. Darum wäre zunehmender internationaler Druck auf Israel hilfreich, auf politischer wie auch auf wirtschaftlicher Ebene — ist aber unwahrscheinlich. Von den Palästinensern kann man, solange die Besatzung anhält und kein funktionierender Staat geschaffen ist, außer gutem Willen nicht viel verlangen.

Kurzum: Für eine Zweistaatenlösung sehe ich mittelfristig schwarz (zumal auch die Flüchtlings-, Gefangenen- und Jerusalemfrage vorher noch zu lösen wären). Was also tun? Kann man sie überspringen und gleich zum einen Staat übergehen? Oder bleibt nur, auf massive Regierungs- und Politikwechsel in Israel, den arabischen Staaten, Europa und den USA zu hoffen? Ich denke, ein wenig Hoffnung steckt noch in der globalen Zivilgesellschaft. Wenn Politik und Wirtschaft «von oben» nichts unternehmen, kann vielleicht trotzdem «von unten» Veränderung eingeleitet werden, vor allem von und mit den jungen Generationen.

Hier sehe ich momentan auch meine Aufgabe für weiteres Studium, Forschung und später Beruf: in der Arbeit mit jungen Menschen an einer besseren Zukunft für die Region…

Rückblick auf Yalla Ramallah

27. December 2006 by Anselm

Ein Jahr ist es mittlerweile her, seit dem Aufenthalt in Palästina und den regelmäßigen Blogeinträgen. Ich hatte den Lesern irgendwann mal eine Schlussbetrachtung versprochen, die nun umgesetzt werden soll. Nach meiner Zivizeit in Beit Uri und diversen Folgebesuchen in Israel war es in den palästinensichen Gebieten der erste längere Aufenthalt. In beiden Gesellschaften habe ich längere Zeit gelebt, ihre Versionen der historisch selben Ereignisse gehört, das Bild des Anderen beschrieben bekommen und viel, viel diskutiert.

Auffallend in Palästina ist die starke Politisierung aller Menschen. Dies ist irgendwie auch klar, da die kleinsten pol. Entscheidungen essentielle Auswirkungen auf das alltägliche Leben vieler Palästinenser haben. Ganz anders in Israel. Ich kenne viele Israelis, die mit der Besatzung der Westbank und der israelischen Politik alles andere als einverstanden sind, trotzdem ist es nur ein Thema unter vielen und an Demos von Gruppen wie Peace Now nehmen die allerwenigsten Israelis teil. Man kann super in Israel leben, ohne einen einzigen Augenblick von Besatzung, Checkpoints etc. tangiert zu werden. Das kommt vor allem dem Tel Aviver Partyvolk entgegen, dass in seiner apolitischen Blase aus Strand und Clubbing lebt, orthodoxe Juden und Siedler genau so hasst wie die Hamas und nichts von dem wissen will, was 25 km weiter östlich geschieht.

Besonders stark ist die Politisierung Palästinas an der Uni zu sehen. Die Hochschulgruppen der Parteien sind auf dem Campus sehr aktiv und fast jeder Student ist Mitglied oder sympathisiert mit Fatah, PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas) oder Hamas.

An sich lässt es sich in Ramallah gut leben. Ich besuchte öfters die kulturellen Einrichtungen, Kinos, den Kulturpalast und das deutsch-französische Kulturzentrum. Manchmal verbrachten wir auch einen Abend im 20 km entfernten Jerusalem, und auch Tel Aviv/Jaffa ist für einen Tagesausflug überhaupt nicht weit. So etwas ist den meisten Palästinensern allerdings nicht möglich! Bedeuten Checkpoints und Straßensperren für uns Ausländer lediglich langes Warten und Verzögerung bei der Weiterreise, ist es vielen Palästinensern nicht erlaubt nach Jerusalem (auch nicht in den arabischen Ostteil) zu fahren. Ich habe viele Leute getroffen, die seit einigen Jahren nicht mehr in Jerusalem waren oder das Mittelmeer gesehen haben.
Ein wenig dankbar wird man schon, wenn man dann auf seinen bordeau-roten Pass blickt, auf die Staatsbürgerschaft de luxe -wie mein Mitbewohner in Ankara zu sagen pflegte: Bürger eines Staates zu sein, der groß genug ist, um seine Angehörigen aus jeder Notlage herausholen zu können, aber nicht zu groß, um verhasst, von Ölinteressen geleitet oder ehemals in Kolonialismus verstrickt zu sein.

Gruselige Berichte und Erzählungen über die Brutalität und Boshaftigkeit der jeweils anderen Seite sind in Palästina wie auch Israel zu finden und gleichen sich erstaunlich.
Am nervigsten und anstrengensten in Palästina sind aber die allgegenwärtigen Verschwörungstheorien und, wie David treffend formuliert, der „Hitler-Reflex“ (scheinbar nicht nur in der ar. Welt), was in diesem Blog auch bereits an früherer Stelle erwähnt wurde. Beschränken sich bei uns Weltverschwörungstheorien meist auf bestimmte Kreise, sind sie in Palästina in allen Gesellschaftsschichten virulent, bei Dozenten an der Uni, bei Brotveräufern, Linken wie Religiösen. Die „Protokolle der Weisen von Zion“ werden für bare Münze genommen und sind an jeder Ecke zu kaufen. Ich habe kaum jemanden getroffen, der nicht davon überzeugt war, dass Yassir Arafat vom Mossad vergiftet wurde; natürlich ganz perfide mit einem nicht nachweisbaren Gift.

Was ich von israelischer Seite als „Sicherheitszaun“ kennen gelernt habe, der die Israelis vor Selbstmordanschlägen schützt, wird von den Palästinensern als „Apartheidsmauer“ bezeichnet, die Bauern von ihren Feldern trennt und mitunter ganze Nachbarschaften auseinander reißt. Hinzu kommen die jüdischen Siedlungen (siehe Märchenstunde mit Onkel Mosche) mit ihren Extra-Straßensystemen, die die Westbank wie Löcher in einem Schweizer Käse durchziehen.
Viele Palästinenser sind den Konflikt leid, wollen in Ruhe ihr Leben leben und haben sich mit der Existenz des Staates Israel irgendwie abgefunden. So ist Israel zu einer Tatsache geworden, mit der man leben muss, vielleicht sogar noch Handel treiben kann, aber der jüdische Staat wird gemeinhin als Eindringling in den arabisch-islamisch geprägten Kulturraum empfunden.
Es lassen sich viele Beispiele finden, die im nationalen Bewusstsein der beiden Völker eine kolossal unterschiedliche Bedeutung haben. Nur ein Beispiel dafür sind die Feiern am Unabhängigkeitstag (יום העצמאות)in Israel, der in Palästina als Tag der Katastrophe (يوم النكبة) begangen wird.
Was eine Lösung des Nahostkonflikts angeht, bin ich durch meinen Aufenthalt in Palästina pessimistischer geworden. Mag die Zukunft vielleicht ein Leben in Koexistenz nebeneinander ermöglichen, ist es zu wirklichem Verständnis und einem Leben miteinander noch sehr weit.

Neue Welt, neues Blog

3. November 2006 by david

Es ist soweit: Noch bevor dieses hier richtig abgeschlossen ist, geht mein neues Blog mit Berichten und Bildern aus Amerika an den Start. Schaut mal vorbei!

Von Nahost nach Fernwest

28. September 2006 by david

Heute ist der erste Unterrichtstag meines zweiten Auslandssemesters! Ich werde vermutlich bald ein neues Blog starten und über meine Erlebnisse in Kalifornien berichten, hier nur ganz kurz:

  • Santa Barbara ist schön! «Mediterran» trifft es am besten. Die Uni liegt direkt am Meer. Palmen, Sonne, Berge, Sand. Ein Traum! Gute Radwege gibt es auch.
  • Wohnungssuche ist hier schwieriger als in Leipzig — wir (Mareike, Johannes und ich) sind seit zwei Wochen auf Achse und haben immer noch nichts. Für ein halbes Zimmer zahlt man nämlich locker mal 750$ im Monat. Wenn man denn eins findet.
  • Vieles ist ein bisschen anders als in Europa, man kommt aber problemlos zurecht und fühlt sich sehr wohl.

Bin aufs Studium gespannt, sende viele Grüße an alle und verspreche: demnächst mehr! Die Palästina-Zusammenfassung kommt auch noch.

Und dann war da noch…

8. September 2006 by david

Folgende Personen und Erlebnisse meines Aufenthalts im Westjordanland hätten vielleicht eigene Artikel verdient, ich belasse es hier aber bei einer kurzen Erwähnung:

  • Walid Assaf, gemäßigter Fatah-Kandidat aus Qalqiliya, der Sebastian und mich per Anhalter nach Ramallah mitnahm. Er hatte bei den Wahlen kurz zuvor zwar gewonnen, seine Partei aber haushoch verloren. Etwas pessimistisch stand er uns Rede und Antwort.
  • Der Besuch in Tulkarem, wo ein erfolgreicher Industrieller, Bassam Badran, uns seine beeindruckende Sammlung von palästinensischen Dokumenten und Gegenständen zeigte, die einmal die Grundlage für ein Heimatmuseum bilden sollen.
  • Der Mann, der mit im Servis von Hebron nach Qalandia fuhr und gerade aus dreijähriger Haft entlassen worden war. Er freute sich über «die Schönheit der Welt». Alle Passagiere und der Fahrer erzählten von Verwandten und Freunden, die noch einsaßen. Kein Wunder: Jeder männliche Palästinenser über 18 war durchschnittlich bereits einmal im Gefängnis (Quelle: Sa’d Nimr, Uni Birzeit). Gemeint sind hier nur israelische Gefängnisse, die PA hat natürlich auch noch welche.
  • Mit Kerzen in Telmahoehle  Deir DibwanZwei schöne Besuche bei einem Freund aus dem Arabischkurs in sei…