Mit fast einem Jahr Abstand möchte nun auch ich zum Fazit meines Palästinaaufenthaltes kommen. Ich werde mich dabei auf einige in dieser Zeit gewachsene Überzeugungen und Vorstellungen beschränken, die «den Nahostkonflikt» betreffen, denn direkt oder indirekt hängt doch alles damit zusammen. Man kann die Region nicht betrachten, ohne den Konflikt und seine Auswirkungen im Hinterkopf zu haben.
Die erste Frage ist darum, wer eigentlich die Konfliktparteien sind. Oft wird von «den Juden» und «den Arabern» gesprochen. Das sind ziemlich unscharfe Begriffe und etwas problematisch finde ich, dass eine jeweilige Nichtanerkennung als (israelisches bzw. palästinensisches) «Volk» mitschwingt. «Die Juden» sind nicht gleichzusetzen mit dem Staat Israel und «die Araber» nicht mit der palästinensischen Bevölkerung in Israel, Westjordanland, Gazastreifen und Exil. Andererseits ist es zweifellos auch grob vereinfachend, nur von einem territorialen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu sprechen; dies scheint mir aber doch der Kern der ganzen Angelegenheit zu sein. Die meiste religiöse und ideologische Feindbildrhetorik baut letztendlich darauf auf.
Ein Hauptproblem sind, wie Anselm schon schrieb, die zwei (wenn wir vom palästinensischen und israelischen Mainstream-Diskurs reden) völlig inkompatiblen Sichtweisen auf die gleichen historischen Ereignisse. Selbst wenn Fakten oft bekannt und gut dokumentiert sind, werden sie von beiden Seiten gerne völlig unterschiedlich ausgewählt, gewichtet, interpretiert und in kausale Zusammenhänge gestellt.
Im Zusammenhang damit steht auch die Weigerung, den «anderen» eine Opferrolle zuzugestehen. Für eine echte Versöhnung ist es unerlässlich, dass Israel (als Staat und als Gesellschaft) sich mit seinem seit 1948 an Palästinensern begangenen Unrecht auseinandersetzt. Das umfasst Entschädigungsleistungen mindestens symbolischer Natur. Auf palästinensischer Seite muss eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust her, die bisher an Unwissen und Unwillen scheitert.
Die Optionen für eine friedliche Zukunft des «heiligen Landes» sind überschaubar. An den äußersten Rändern des Spektrums liegt die Forderung, «die Juden ins Meer» bzw. «die Araber in die Wüste» zu jagen. Egal, ob damit Völkermord im großen Stil oder «nur» Zwangsumsiedlung und Vertreibung gemeint sind: Solche Visionen sind völlig inakzeptabel! Die Lösung sollte also irgendwo dazwischen liegen.
Am gerechtesten für alle und darum am erstrebenswertesten — so meine Überzeugung — ist die Einstaatenlösung. Ich gehe einfach davon aus, dass jeder Mensch die Freiheit haben sollte, mit vollen Rechten da aufzuwachsen und zu leben, wo er geboren wurde. Noch besser wäre natürlich: wo immer er möchte; aber bis dahin ist es weltweit noch ein zu weiter Weg. Nur die Einstaatenlösung würde sowohl palästinensischen Flüchtlingen, auch der dritten oder vierten Generation, eine (Wieder-)Ansiedlung in Galiläa oder an der Mittelmeerküste ermöglichen als auch jüdischen Siedlern das Fortbestehen ihrer Präsenz an biblisch bedeutsamen Orten im Westjordanland. Niemand müsste sich außerdem mehr um die strategische Verwundbarkeit eines zu schmalen Staates fürchten. Das Grundwasser würde allen gleichermaßen gehören…
Die schlechte Nachricht ist, dass dieser eine Staat leider weder jüdisch noch islamisch sein könnte. Strikte Säkularität wäre unumgänglich! Aber sicherlich kann man den verschiedenen religiösen Gruppen besonderen Schutz, Privilegien und Autonomie in manchen Bereichen einräumen.
Was den Namen angeht, finde ich «Isratina» gut, einen für beide Seiten schmerzhaften und eigentlich inakzeptablen Kompromiss. Aber ohne solche wird es nicht gehen! Auch sonst sind die Ausführungen Gaddafis zu diesem Thema (ar/en) ganz vernünftig.
Leider scheint die Einstaatenlösung zur Zeit völlig utopisch. Realistisch kann man wohl nur auf eine Zweistaatenlösung hinarbeiten, über die sich ja im Prinzip alle einig sind; wichtig wäre aber, dabei das Einstaatenszenario als langfristiges Ziel im Blick — und im Gespräch — zu halten.
Eine Zweistaatenlösung, wenn sie eine Chance haben soll, muss auf den Grenzen von 1967 basieren. Das bedeutet ein Ende der Besatzung, eine Räumung aller Siedlungen, einschließlich des Rings um Ostjerusalem, und einen weitgehenden Abriss der Mauer. Allenfalls durch beidseitig einvernehmlichen Landtausch ließe sich daran etwas ändern. Palästina müsste auch unbedingt volle Souveränität und Kontrolle über seine Grenzen haben, gerne mit EU-Überwachung wie in Rafah.
Noch ein Wort zur Mauer: So hässlich sie ist, meinetwegen kann Israel auf seiner Seite der Grenze machen, was es will. Aber eben auf seiner Seite!
Alle diese unerlässlichen Schritte müssen von Israel ausgehen. Das liegt daran, dass es die Besatzungsmacht ist, die militärisch und wirtschaftlich den Palästinensern haushoch überlegen ist. Darum wäre zunehmender internationaler Druck auf Israel hilfreich, auf politischer wie auch auf wirtschaftlicher Ebene — ist aber unwahrscheinlich. Von den Palästinensern kann man, solange die Besatzung anhält und kein funktionierender Staat geschaffen ist, außer gutem Willen nicht viel verlangen.
Kurzum: Für eine Zweistaatenlösung sehe ich mittelfristig schwarz (zumal auch die Flüchtlings-, Gefangenen- und Jerusalemfrage vorher noch zu lösen wären). Was also tun? Kann man sie überspringen und gleich zum einen Staat übergehen? Oder bleibt nur, auf massive Regierungs- und Politikwechsel in Israel, den arabischen Staaten, Europa und den USA zu hoffen? Ich denke, ein wenig Hoffnung steckt noch in der globalen Zivilgesellschaft. Wenn Politik und Wirtschaft «von oben» nichts unternehmen, kann vielleicht trotzdem «von unten» Veränderung eingeleitet werden, vor allem von und mit den jungen Generationen.
Hier sehe ich momentan auch meine Aufgabe für weiteres Studium, Forschung und später Beruf: in der Arbeit mit jungen Menschen an einer besseren Zukunft für die Region…